Welche Konsequenzen ein langanhaltender und flächendeckender Stromausfall haben kann, hat Anfang des Jahres ein mehrtägiger Stromausfall in Berlin gezeigt. Rund 100.000 Menschen waren von dem Blackout betroffen; bei Minusgraden mussten sie teilweise bis zu fünf Tage ohne Strom, Heizung und warmes Wasser ausharren. Auf ein Szenario wie dieses wollen der Landkreis Grafschaft Bentheim und die sieben kreisangehörigen Kommunen bestmöglich vorbereitet sein. Gemeinsam haben sie in den vergangenen 20 Monaten in intensiver Projektarbeit einen Sonderplan für einen langanhaltenden und flächendeckenden Stromausfall erarbeitet. Das umfangreiche Konzept stellte der Landkreis den Bürgermeistern und Leitern der Ordnungsämter nun abschließend vor. Es beinhaltet unter anderem speziell auf die jeweiligen Städte und Gemeinden zugeschnittene Aktionspläne sowie Handlungshilfen samt Checklisten für den Ernstfall, die den Kommunen ausgehändigt wurden. Landrat Uwe Fietzek spricht von einem „wichtigen Meilenstein für den Grafschafter Katastrophenschutz“. Für ihn ist klar: „Ein Blackout kann auch die Grafschaft jederzeit treffen. Strom ist die Grundlage nahezu aller Lebens- und Arbeitsbereiche. Vorsorge ist für uns daher keine Option, sondern eine Pflicht.“ Der Sonderplan Stromausfall ist künftig Bestandteil des kreisweiten Katastrophenschutzplans, den der Landkreis fortlaufend aktualisiert.
72 Stunden Autarkie ist das Ziel – Krisenbewältigung mit abgestimmten Konzepten
Zentrale Grundlage des Sonderplans Stromausfall ist das von Landkreis und Kommunen gemeinsam vereinbarte Schutzziel einer Durchhaltefähigkeit bzw. Mindest-Autarkie von 72 Stunden in der Grafschaft Bentheim. Dieses Ziel orientiert sich an bundesweiten Standards. Für die Kommunen und Verwaltungen, Unternehmen, Organisationen, Einrichtungen der kritischen Infrastruktur sowie die Bürgerinnen und Bürger bedeutet dies: Sie alle sollen in der Lage sein, mindestens drei Tage ohne Strom eigenständig zu überbrücken.
„Ziel ist es, dass die Kommunen und wir als Landkreis im Falle eines langanhaltenden und flächendeckenden Stromausfalls auf abgestimmte Konzepte zurückgreifen können. Wir müssen koordiniert und strukturiert agieren können. Der Sonderplan gibt uns einen Überblick, wie wir aktuell aufgestellt sind und wo wir nachbessern müssen, um im Krisenfall handlungsfähig zu bleiben“, betont Fietzek. Denn ein mehrtägiger Stromausfall hätte gravierende Folgen: die Wasserver- und Abwasserentsorgung fallen aus, Telefon- und Mobilfunknetze sowie die Internetverbindung brechen zusammen, Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen sind massiv beeinträchtigt, Produktionsbetriebe und Geschäfte ohne Notstromaggregate stehen still, in landwirtschaftlichen Betrieben fallen beispielsweise Lüftungsanlagen und Melkroboter aus, es gibt ein Verkehrschaos.
Notfallinformationspunkte und „Leuchttürme“ als Anlaufstellen in den Kommunen
Der Sonderplan Stromausfall identifiziert mehr als 70 konkrete Maßnahmen, die nun Schritt für Schritt von Landkreis und Kommunen umgesetzt werden. Dabei rücken beispielsweise die Kraftstoffverteilung, die Sicherstellung der Wasser- und Lebensmittelversorgung oder die Notfallkommunikation in den Blick. Ein besonderer Fokus liegt in den Kommunen auf der Einrichtung kommunaler Anlaufstellen für den Krisenfall, etwa in Schulen, Sporthallen, Dorfgemeinschaftshäusern oder bei den Feuerwehren. Unterschieden wird dabei zwischen Notfallinformationspunkten, kurz NIP, in denen Notrufe abgesetzt werden können und Erste Hilfe geleistet wird, und den sogenannten „Leuchttürmen“. Dort können Bürgerinnen und Bürger im Ernstfall aktuelle Informationen einholen, Notrufe absetzen, sich aufwärmen oder ihre Mobiltelefone aufladen. Die Ausstattung der NIP und „Leuchttürme“ erfolgt kreisweit einheitlich. Wesentlich ist zudem eine funktionierende Krisenkommunikation. „Jede und jeder muss bereits im Vorfeld genau wissen, wo sich im Ort Anlaufstellen befinden und wie sie bzw. er im Notfall Hilfe erhalten kann“, unterstreicht Fietzek. Regelmäßige Informationen und die Sensibilisierung der Bevölkerung sind daher zentrale Aufgaben.
Sonderplan Stromausfall muss mit Leben gefüllt werden
Mit der Übergabe der Aktionspläne und Handlungshilfen an die Kommunen – bewusst im klassischen Aktenordner, damit sie bei einem Stromausfall jederzeit griffbereit sind – endet das Projekt zwar formal, inhaltlich beginnt nun aber die nächste Phase. „Wir haben gemeinsam eine starke Grundlage geschaffen. Die Pläne müssen aber weiter mit Leben gefüllt werden, die Dokumente müssen ergänzt und vor allem regelmäßig aktualisiert werden. Und wir müssen auch die Bürgerinnen und Bürger in der Grafschaft bei unseren Planungen mitnehmen“, so Fietzek. Übungen auf Kreis- und kommunaler Ebene sollen zudem die Praxistauglichkeit sichern.
Insgesamt über 180.000 Euro hat der Landkreis in die Erstellung des Sonderplans investiert. Begleitet wurde das Projekt von der Firma Lülf+ Sicherheitsberatung. Projektleiter Andreas Wagenplast lobte die enge, vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen allen am Projekt Beteiligten, insbesondere zwischen Landkreis, Kommunen und den Einsatzorganisationen. Details zum Sonderplan Stromausfall werden am 18. März 2026 um 15 Uhr in der öffentlichen Sitzung des Ausschusses für Feuerschutz und Ordnung im Grafschafter Kreishaus vorgestellt. Erste Informationen zu den Themen, die für die Bürgerinnen und Bürger selbst wichtig sind – insbesondere zu den Notfallinformationspunkten und „Leuchttürmen“ – geben Landkreis und Kommunen im Laufe des Aprils 2026 bekannt.
Bildunterschrift
Abschluss des Projektes „Sonderplan Stromausfall“: Landrat Uwe Fietzek (vordere Reihe, 6.v.l.) und Andreas Wagenplast von der Firma Lülf+ Sicherheitsberatung (vordere Reihe, Mitte) übergaben die Aktionspläne an die Bürgermeister und Ordnungsamtsleiter der Grafschafter Kommunen. (Foto: Landkreis Grafschaft Bentheim)